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Impressionen

Impressionen eines Deutschen in der „Zone“

Auf dem Weg zu einer Messstelle / Achim Riemann

Regen prasselt an die Windschutzscheibe des Kleinbusses. Die Räder wühlen sich durch den Schlamm. Wir sind in einem Dorf, rund drei Autostunden von der Hauptstadt Minsk und rund 200 Kilometer vom Tschernobylreaktor entfernt. In der Schule treffen wir die Biologielehrerin, die seit fünf Monaten die Strahlenmess- und -beratungstelle leitet.

Eigentlich kommt mir hier alles ganz normal vor. Schließlich kann ich die Radioaktivität nicht schmecken oder sehen. Weh tut sie auch nicht. Aber sie treibt bei jeder Mahlzeit erneut ihr Unwesen. 80 bis 90 Prozent der Radioaktivität nehmen die Menschen in der Tschernobylzone über die Nahrung zu sich, die sie zum größten Teil aus dem eigenen Garten, dem Wald und dem Fluß beziehen. Vor allem Milch, Beeren, Pilze und Wildfleisch sind hoch belastet. An den Kauf von sauberer Nahrung ist bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 40 bis 60 DM aber gar nicht zu denken. Auch wegziehen kann man nicht. “Man kriegt woanders keine Wohnung und auch keine Arbeit”, wird uns erklärt. Zwei Millionen Menschen teilen in Weißrußland das gleiche Schicksal. Sie leben in der Tschernobylzone, die 23 Prozent der Fläche des osteuropäischen Landes ausmacht.

Wir betreten die Messstelle, einen Raum, der mit einem großen Messgerät für Nahrungsmittel, einem mobilen Geigerzähler, einer Waage, einigen Listen und Fachliteratur ausgestattet ist. Außerdem ist da noch ein kleiner Stapel mit “Elternheften”, die das Institut für Strahlensicherheit verfasst und gedruckt hat. Darin können die Eltern nachlesen, wie sie sich und vor allem ihre Kinder möglichst gut vor der Radioaktivität schützen können. Allgemeine Gesundheitstips gibt es im Anhang. Die Druckkosten für die Hefte wurden von der Naturfreundejugend mit einem Solikonzert eingespielt. 3400 Exemplare konnten daraufhin gedruckt und über die verschiedenen Messstellen an Interessierte verteilt werden. 53 Pfennige kostet solch ein Heft im Druck. Da die Hefte fast vergriffen sind, werden nun Spender gesucht, die eine neue Auflage möglich machen.

Die Lehrerin erklärt uns, dass den Menschen erst einmal wieder vor Augen geführt werden muss, dass die Strahlung immer noch allgegenwertig ist. 13 Jahre nach dem “Super-GAU” hat der Verdrängungsprozess weitgehend gewonnen. Nicht aber verdrängen lassen sich die Erankungen, unter denen vor allem die Kinder zu leiden haben. Krebs, aber auch Augenleiden wie der Graue Star (in machen Orten ist jedes fünfte Kind betroffen), Herzrhytmusstörungen, ein Blutdruck von 160 (in höher verstrahlten Dörfern sind fast alle Kinder herzkrank), Entwicklungsstörungen, veränderte Organe oder das sogenannte Tschernobyl-Aids, eine allgemeine Immunschwäche, sind allgegenwertig und bestimmt auf die radioaktive Belastung zurückzuführen. Viele Frauen haben Angst davor Kinder zu bekommen. Neben der wirtschaftlichen Notlage ist dafür vor allem Tschernobyl verantwortlich. In einigen Orten kommen auf jede Geburt vier Abtreibungen. In einem stark belasteten Dorf hat die Untersuchung von Mädchen ergeben, dass viele von ihnen mehr männliche als weibliche Hormone haben.

Die Lage scheint aussichtslos. Doch die Lehrerin berichtet sehr motiviert über ihre Arbeit. “Erstmal haben wir Elternabende in der Schule veranstaltet. Dort haben wir erklärt, was die Messstelle soll und was die Menschen von mir erwarten können. Ich habe aber auch erklärt, wie einfach es teilweise ist, die Radioaktivität in den Lebensmitteln gering zu halten. Wenn z.B. Milch separiert wird, d.h. wenn die eigentliche Milch von einem Großteil des Wassers in der Milch getrennt wird, dann bleiben die Radionuklide zu 80 Prozent in dem Wasser. Wenn die Milchbestandteile dann mit sauberem Grundwasser vermischt werden, bekommen wir relativ saubere Milch. Viele solcher Tips gibt es. Aber kaum jemand kennt sie. Der Staat selbst sorgt nicht für diese Informationen, da er keine Panik auslösen will. Die Messungen machen wir mit den Schülerinnen und Schülern zusammen, damit sie möglichst viel über Radioaktivität lernen. Außerdem behandeln wir das Thema jetzt auch im Unterricht. Ein neues Projekt ist, dass ich mit den Schülern eine Strahlenkarte des Dorfes anfertigen möchte. So können wir genau herausfinden und bekanntgeben, wo der Boden wie stark verstrahlt ist. Denn von Garten zu Garten schwankt die Radioaktivität erstaunlich stark, wie unsere ersten Messungen ergeben haben. Wenn wir die Verstrahlung kennen, können wir die Leute richtig beraten. Die Menschen bemühen sich jetzt wirklich, die Strahlenbelastung in der Ernährung zu verringern. Durch die Messungen können sie nun konkret nachvollziehen, ob sie Erfolg haben. In der Messstelle haben wir aber auch feststellen müssen, dass das Brot stark belastet war. Dann haben wir das Getreide gemessen, das im Dorf angeliefert wird. Die Messungen haben ergeben, dass das Geteide stark radioaktiv war. Das Brot wurde daraufhin zurückgeschickt. Hilfe zur Selbsthilfe ist wirklich machbar.” Viele kleine Schritte gegen ein großes Problem.

Tschernobyl-Zone

Wie bekannt ist, wurden mehr als 23% des Territoriums von Belarus (mehr als 46,5 Tausend km²) nach der Katastrophe im Tschernobyler Atomkraftwerk der Verseuchung über 1 Ci/m² ausgesetzt. In 3668 Wohnorten auf diesem Territorium wohnten im Jahre 1986 über 2 Mio Menschen, darunter 500 Tausend Kinder. Mit Cäsium-137 (Cs-137) wurden etwa 1,6 Mio Hektar landwirtschaftlichen Bodens, über 1685 Tausend Hektar Wald Weißrusslands verseucht.

Mehr Informationen zur Strahlensituation in Belarus können auf der Internetseite Ostwestbruecke aufgerufen werden.