MENU
Startseite > Internationales ↓ > Kurdistan > > Kinder- und Jugendpower in Diyarbakir

Kinder- und Jugendpower in Diyarbakir

Ein wichtiges und spannendes „Austauschthema“ für uns war das Thema „Beteiligung“ oder „Teilhabe“ insbesondere für Kinder und Jugendliche.

In der Stadt Diyarbakir gibt es seit Jahren funktionierende Kinder- und Jugendparlamente. Das heißt, junge Menschen haben die Möglichkeit ihre Themen und Perspektiven in die Politik einzubringen und somit das Stadtleben mit zu gestalten.

Junge Leute, die aktuell im Jugendparlament aktiv sind oder aktiv waren, haben uns während unseres Aufenthaltes in Diyarbakir begleitet, bzw. im Vorfeld den Jugendaustausch mit vorbereitet. Wir haben erlebt, wie engagiert, offen, selbstbewusst und kompetent junge Menschen aus den Jugendparlamenten sind. Durch viele Gespräche konnten wir etwas über ihre Biografien erfahren und hatten den Eindruck, dass die Mitarbeit und Zusammenarbeit in Jugendparlamenten anscheinend eine große Wirkung auf unsere Freunde hatte. Hüseyin (21) kam vor Jahren als Delegierter aus einer Schule zum Jugendparlament, mischt seit mehreren Jahren mit und ist ehrenamtlich engagiert.

Er hat uns von der ersten Minute an begleitet - vom Abholen vom Flughafen bis zum Abflug - während der gesamten Zeit in Diyarbakir von morgens bis abends unermüdlich, immer heiter, organisierend, telefonierend und plaudernd. Oder auch (unvergesslich!) spontan singend und tanzend. Er ist ein Beispiel dafür, wie essenziell es ist, ehrenamtlich aktive Menschen zu

haben. Wir waren gespannt zu hören, wie z.B. ein Kinder- und ein Jugendparlament in Diyarbakir funktioniert, wie es entstanden ist, wie viele Kinder und Jugendliche teilnehmen, wie die Zusammenarbeit mit Politikern aus dem Stadtrat ist und wie ernst die Vorschläge und Forderungen von Kindern und Jugendlichen genommen werden und was die Parlamente bisher erreicht haben.

Wir haben hierzu Umut Suvari (28) interviewt, der von 2003 – 2013 und damit von Anfang an im Kinder- und Jugendparlament mitgearbeitet hat. Von 2009 – 2013 war er Vorstandsmitglied im Stadtparlament, dem NGO-Bürgerparlament von Diyarbakir. 2007 und 2008 war er zudem im Vorstand des türkischen Jugendparlamentes tätig, in dessen Beirat er nun sitzt.

Das Interview

Umut Suvari

Im Text wird zwischen Stadtparlament und Stadtrat unterschieden. In Diyarbakir besteht das Stadtparlament aus Delegierten der unterschiedlichen Parlamente (Kinderparlament, Jugendparlament, Frauenparlament, Umweltparlament, NGOs usw.). Der Stadtrat hingegen besteht aus gewählten Politikern der unterschiedlichen politischen Parteien, vergleichbar wie in Deutschland.

 

Was waren deine Aufgaben und welche Schwerpunkte hattest du im Jugendparlament?

Tatsächlich gibt es keine "genauen Aufgaben". Wir haben drei große Generalversammlungen vom Jugendparlament pro Jahr. Während des ersten Treffens diskutieren wir immer über die Interessen und Probleme der Jugendlichen unserer Stadt. Dann entscheiden wir uns, welche Arbeitsgruppen wir bilden wollen. Zum Beispiel: Als Literaturstudent wollte ich in der Kultur-Arbeitsgruppe mitmachen. Wir organisierten viele kulturelle Aktivitäten, wie Gedichtwettbewerbe, schrieben Artikel usw. Danach trat ich der sogenannten Projekt- Arbeitsgruppe bei, die für die Organisation von Projekten und Fundraising zuständig ist. Generell wurden jedes Jahr drei bis sechs Arbeitsgruppen gebildet. Auf der anderen Seite konzentrieren wir uns sehr darauf, unsere Forderungen bekannt zu machen und durchzusetzen. Da wir eine Art Dachorganisation der lokalen Jugendorganisationen und Schüler_innen der verschiedenen Schulen sind, haben wir dadurch einen wirklich großen Einfluss auf die Entscheidungsträger in der Stadt. Es ist daher auch immer einfach, den Bürgermeister, den Gouverneur oder auch Geschäftsleute zu treffen. In diesem Rahmen haben wir viele Konferenzen, Diskussionen und Treffen organisiert, bei denen junge Leute mit Entscheidungsträgern der Stadt zusammen gekommen sind. Wir hatten so die Chance, Kritik zu üben und ihnen Vorschläge zu unterbreiten.

Warum gibt es in Diyarbakir ein Kinder-und Jugendparlament?

Es gibt zwei Hauptgründe, warum es in Diyarbakir Kinder-und Jugendparlamente gibt: Der erste Grund ist: die aktive Teilnahme. Durch die Organisation von Schulungen und Tagungen für „organisierte und nicht organisierte“ Kinder und Jugendliche versuchen wir sie für das Stadtleben zu aktivieren. Der zweite Grund ist: good governance. Kinder und Jugendliche mit Entscheidungsträgern zusammen zu bringen, und sie in die Lage zu versetzen, an der Gestaltung des Stadtlebens aktiv teilzunehmen ist Bestandteil von good governance.

Wer hat die Diyarbakir Kinder- und Jugendparlamente initiiert und seit wann gibt es sie?

Das Diyarbakir - Stadtparlament und alle Unterparlamente (Kinder, Jugendliche, Frauen, Behinderte, Umwelt und Gesundheit, Sport) existieren dank der Lokalen Agenda 21. Die Aktivitäten begannen 1998. Am Anfang gab es Arbeitsgruppen innerhalb der Stadtverwaltung. Zum Beispiel hatten wir von 2003 bis 2004 eine Jugend-Arbeitsgruppe. Nach 1 bis 2 Jahren Vorbereitung gründeten wir am 31. Oktober 2004 das Jugendparlament. Unsere Kinderarbeitsgruppe bestand von 2005 bis 2010. Erst nach dieser Zeit waren wir in der Lage, ein Kinderparlament zu gründen. Das gleiche gilt für alle anderen Parlamente. Wir brauchten eine lange Vorbereitungszeit für die Gründung der Parlamente.

Wie sieht die tägliche Arbeit eines "Parlamentes" aus?

Wir entscheiden im Rahmen der Generalversammlungen des Jugendrates über die Arbeitsgruppen und Vorstandsmitglieder. Alles arbeitet auf diesen zwei Grundlagen. Die Vorstandsmitglieder folgen den Entscheidungen, die während der Sitzung der Generalversammlung gefällt werden, und repräsentieren das Jugendparlament. Die Arbeitsgruppen entscheiden über das, was sie in ihren eigenen Feldern tun möchten. Normalerweise hat das Jugendparlament vier Arbeitsgruppen: Kultur, Projekt, Organisation und IT. Die Vorstandsmitglieder treffen sich mindestens einmal im Monat, die Arbeitsgruppen treffen sich so oft wie nötig. Ich möchte ein gutes Beispiel aus jeder Gruppe geben: Zum Beispiel hat unsere Arbeitsgruppe „Organisation“ 18 Bibliotheken in armen Schulen der Dörfer im Umland von Diyarbakir aufgebaut. Die Gruppe „Kultur" hat eine Theatergruppe gegründet. Sie führten bereits viele Theaterstücke auf. Die Gruppe „Projekte“ hat verschiedenste Projekte für die unterschiedlichen Arbeitsgruppen entwickelt, beantragt und realisiert. Die Gruppe „IT“ hat für benachteiligte Kinder, Jugendliche, Frauen und behinderte Menschen Computerkurse organisiert.

Wie häufig treffen sich die Kinder und Jugendlichen?

Es finden 2 bis 3 Generalversammlungen pro Jahr statt. Alle Mitglieder beteiligen sich an diesen Treffen. Wichtig sind die Vorstandsmitglieder, die sich ein- bis zweimal im Monat treffen. Die Arbeitsgruppen treffen sich fast jede Woche, denn sie haben immer etwas zu tun. Jedes unserer Unterparlamente hat mehr als hundert Mitglieder, aber leider können immer nur rund 20 bis 30 Personen wirklich aktiv sein. Diese 20 bis 30 Leute geben ihr Bestes, um Zeit für die Treffen zu haben. Sie opfern wirklich viel von ihrem täglichen Leben. In erster Linie ist es eine große Herausforderung für die Kinder des Kinderparlamentes und weniger für das Jugendparlament. Wir müssen die Familien davon überzeugen, dass die Arbeit im Kinderparlament sich nicht nachteilig auf die Schule auswirkt. Wir holen z.B. die Kinder von zu Hause ab und bringen sie wieder nach Hause. Unsere Angebote für Kinder sind deshalb hauptsächlich auf die Unterstützung ihrer Ausbildung ausgerichtet.

Die Vorstandsmitglieder des Kinderparlamentes treffen sich einmal im Monat und vertreten die Kinder auch im Stadtparlament sowie in anderen Gremien (Stadtverwaltung, der Gemeinde, Gouverneursamt).

Wie viele Kinder und Jugendliche nehmen in der Regel teil?

Das Jugendparlament hat mehr als 90 Mitglieder und das Kinderparlament hat 110 bis 130 Mitglieder. Es werden zwischen 15 und 20 Vorstandsmitglieder gewählt.

Wo finden die Kinder und Jugendparlamente statt?

Generalversammlungen finden in einem großen Konferenzsaal statt. Arbeitsgruppen -und Vorstandstreffen finden im Gebäude der Stadtverwaltung statt.

Nehmen auch Erwachsene, zum Beispiel Vertreter der Stadt, an den Sitzungen teil?

Sie werden manchmal zu den Sitzungen eingeladen, insbesondere wenn es wichtige Themen gibt, die mit ihnen in Zusammenhang stehen. Für das Kinderparlament haben wir jedoch einen anderen Arbeitsstil. Es gibt einen Beirat, der aus Lehrern und Repräsentanten einiger NGOs besteht. Sie unterstützen das Kinderparlament und die Arbeitsgruppen. Sie helfen z.B. dabei, die Treffen zu organisieren und die Kinder zu schulen.

Wie aufwändig ist es, ein Kinder- und ein Jugendparlament zu organisieren?

Wir müssen alle Schulen besuchen und die Schulleiter_innen überzeugen, Delegierte zu entsenden. Wir fragen immer nach zwei Vertretern (einem Mädchen und einem Jungen) von jeder Schule. Und wir müssen uns mit allen NGOs treffen, die im Bereich Kinder- und Jugendarbeit tätig sind. Nach der Generalversammlung ist alles einfacher. Ab da sind die Vorstandsmitglieder zuständig für die Organisation aller Aktivitäten und Treffen.

Wie viele Personen sind an der Organisation beteiligt?

Jeweils zwei Delegierte aus jeder Schule und je zwei aus den NGOs sind beteiligt. Dank der Arbeitsgruppen können Jugendliche, die nicht Delegierte von Schulen oder NGOs sind, ebenfalls in die Parlamente einbezogen werden. Das Jugendparlament ist das Dach für 18 Jugend- NGOs und mehr als 20 Schulen.

Welche Art von Unterstützung von außen, z. B. von Erwachsenen, bekommen die Parlamente?

Eine große Unterstützung erhalten wir von anderen Mitgliedern des Stadtparlamentes. Das ist eine wahre Macht. Es gibt dort 220 Organisationen unter dem Dach und auch die Kinder- und Jugendparlamente sind dort vertreten. Zum Beispiel gibt es viele Lehrer, Akademiker, Geschäftsleute, Mitglieder des Stadtparlamentes, die uns unterstützen und beraten.

Wie viele Arbeitsgruppen werden in der Regel in einem Parlament gebildet und welche Themen sind besonders beliebt?

Die vier beliebtesten Hauptthemen im Jugendrat sind: Kultur, Projekte, Organisation und IT. Aber manchmal wollen Jugendliche andere Arbeitsgruppen bilden, zum Beispiel internationale Beziehungen, Ausbildung und Koordinierungsgruppe usw.

Das Kinderparlament hat hauptsächlich ein paar Arbeitsgruppen: Internationale Beziehungen, Wissenschaft und Technik, Kunst und Kultur, Umwelt-und Weiterbildung.

Gibt es Kinder und Jugendliche, die in einem Parlament für mehrere Jahre teilnehmen?

Ja, aber leider sind es nicht sehr viele. Hierfür gibt es einige Gründe. Junge Menschen, die am Jugendparlament teilnehmen, sind in der Regel Schüler der Sekundarstufe I und II oder Studenten. Es gibt eine große und wichtige Prüfung im letzten Jahr der Schule. Wenn die Schüler diese Prüfung nicht schaffen, können sie nicht an einer Universität studieren. Deshalb müssen sie sehr viel lernen und können sich nicht aktiv am Jugendparlament beteiligen. Wenn sie die Uni-Prüfung geschafft haben und in Diyarbakir studieren, arbeiten sie auch weiter im Jugendparlament mit. Auf der anderen Seite beginnen sie, nachdem sie die Uni absolviert haben, zu arbeiten, gehen in eine andere Stadt zum Arbeiten oder Heiraten. Aus diesen Gründen verlassen sie das Jugendparlament. Es gibt nicht allzu viele Menschen, die im Jugendparlament weitermachen, wenn sie mit einer Arbeit beginnen.

Bei den Kindern ist es ziemlich ähnlich. Sie müssen wirklich hart für die Schule arbeiten und teilweise haben sie einen Job nach der Schule, um damit die Familie zu unterstützen. Nach einer Weile können sie sich nicht mehr aktiv beteiligen. Natürlich gibt es auch wirklich gute Beispiele für das Kinderparlament. Sie können bis zum 15. Lebensjahr mitmachen und anschließend im Jugendparlament weitermachen. Diese Kinder sind dann schon auf das Jugendparlament sehr gut vorbereitet. Sie wissen viel mehr als viele Studenten, vor allem darüber, wie ein Treffen geleitet wird, wie man bei einer Sitzung zuhört und Rückmeldung während der Sitzung gibt, wie man unter Freiwilligen zusammen arbeitet.

Hat das Jugendparlament manchmal eigenständig Projekte entwickelt und realisiert, ohne dass Stadtrat oder Stadtparlament beteiligt sind?

Nach unseren Regeln, müssen wir das Stadtparlament informieren und für die wirklich großen Projekte brauchen wir die Unterstützung der Stadtverwaltung. Am ersten Mittwoch im Monat ist Sitzung des Stadtparlamentes und dort sind Delegierte aus dem Kinder- und Jugendparlament vertreten. Sie informieren die Vorstände, was sie im letzten Monat getan und welche Pläne sie für den kommenden Monat haben.

Der Stadtrat hat bisher alle Projektideen unterstützt.

Kannst du uns bitte ein Beispiel für eine typische Vollversammlung eines Kinderparlaments und ein Beispiel für ein Jugendparlament geben. Was sind die Themen?

• Eröffnungsrede vom Koordinator des Jugendparlamentes. Grußworte vom Bürgermeister, dem Gouverneur oder dem Präsidenten des Stadtrates, wenn sie eingeladen sind

• Vorstellung aller Aktivitäten

• Es gibt jedes Mal ein weiteres wichtiges Thema, das sich z.B. mit einem Problem von Jugendlichen beschäftigt

• Wahl der Vorstandsmitglieder und der Entscheidung über die Arbeitsgruppen.

• Evaluierung und Bewertung der bisherigen Arbeit

Wie werden die Entscheidungen getroffen?

Wir versuchen alle Entscheidungen im Konsens zu fällen. Gelingt dies nicht, entscheidet die Mehrheit der Stimmen.

Wie ist das Verfahren mit den Entscheidungen des Jugendparlaments?

Leider können weder Stadtparlament noch unsere Unterparlamente Entscheidungen für die Stadt Diyarbakir treffen. Offiziell liegt die Verantwortung bei den lokalen Gouverneuren. Aber das Stadtparlament und alle unsere Unterparlamente können sehr viel Druck ausüben. In diesem Punkt haben wir großen Einfluss. Ein Beispiel: Die Stadtregierung wollte das Gelände verkaufen, auf dem der Stadtwald entstehen soll. Wir organisierten eine große Kampagne dagegen. Die Öffentlichkeit nahm daraufhin eine Position gegen das Regierungsvorhaben ein. Bis heute wurde das Gelände nicht verkauft. Unsere wahre Macht kommt von unseren Mitgliedern.

Alle unsere Parlamente treffen ihre Entscheidungen unabhängig in ihren Generalversammlungen und geben ihre Entscheidungen an die Gemeinderäte weiter. Offiziell brauchen die Gemeinderäte sich nicht um unsere Entscheidungen kümmern, aber da die Entscheidungen aus der Mitte der Bevölkerung entstanden sind, müssen sie sorgsam damit umgehen. Ich kann sagen, dass mehr als 90 % unserer Entscheidungen vom Gemeinderat angenommen und umgesetzt werden.

Werden die Kinder und Jugendlichen von den Parlamenten nachträglich bei der Umsetzung der Beschlüsse beteiligt?

Wir sagen immer, dass, wenn Menschen an Entscheidungsprozessen beteiligt werden, sie sich anschließend auch für alle Entscheidungen verantwortlich fühlen und ein Teil der Umsetzung davon sein wollen. Ja, sie werden aktiv an der Umsetzung beteiligt.

Ist die Realisierung der Projekte häufig abhängig von finanzieller Unterstützung durch die Stadt?

Die Parlamente sind mehr dafür da, Entscheidungen zu treffen und Menschen zusammen zu bringen. Natürlich gibt es auch Dinge, die wir tun wollen, aber keine finanzielle Unterstützung dafür bekommen. Ein Beispiel ist die Kampagne „Bibliotheken für die Dörfer von Diyarbakir“. Es gab 61 Grundschulen mit je mehr als 400 Schüler_innen, alle ohne Bibliotheken. Wir organisierten eine Kampagne um Bücher zu sammeln. Nachdem wir ausreichend Bücher für eine Schule zusammen hatten - rund 2.000 Bücher -, mussten wir eine finanzielle Unterstützung für den Kauf von Bücherregalen, Stühlen, Tischen usw. finden. Der Stadtrat konnte uns darin unterstützen, Flyer etc. für die Kampagnen zu finanzieren, aber nicht für den Kauf der anderen Dinge. Wir mussten Unterstützung bei der Gemeinde, beim Gouverneursamt und bei Geschäftsleuten usw. finden.

Wenn wir uns für etwas entscheiden, schaffen wir es im Allgemeinen auch, die Mittel zu finden.

Wie ernst werden das Kinder- und Jugendparlament von der Stadtregierung genommen?

Leider werden sie von der Stadtregierung als solches nicht sehr ernst genommen. Aber durch den Verbund mit über 200 Organisationen sind wir doch einflussreich.

Woher kommen Motivation und Engagement der jungen Leute, die im Jugendparlament aktiv sind?

Hierfür gibt es viele Gründe:

• Sie sehen, dass sie etwas für ihre Zukunft und ihre Stadt verändern können. Bevor sie in einem Parlament mitmachen, konnten sie nur Kritik üben ohne etwas zu tun, ohne etwas zu ändern. Aber Parlamente geben ihnen die Möglichkeit, ein Teil der Lösung zu sein.

• Sie haben viele gute Gelegenheiten, andere Organisationen und viele neue Leute, die die gleichen Ideen teilen, zu treffen.

• Sie können mit ihren Ideen und Forderungen die Entscheidungsträger direkt ansprechen. Sie haben das Gefühl, ernst genommen zu werden.

• Sie lernen eine Menge darüber, wie eine Verwaltung funktioniert und wie Entscheidungen in einer Stadt gefällt werden.

• Sie haben die Möglichkeit, sich selber weiter zu entwickeln. Das ist für sie wirklich sehr motivierend.

Was ist die wichtigste Erfahrung, die du während deiner Zeit im Jugendparlament gemacht hast?

Ein großer Erfolg für mich war, als wir 2008 als „bester Jugendrat“ (von 73 Städten) der Türkei gewählt wurden. Das war sehr wichtig für uns, da wir mehrmals als Kandidaten nominiert, jedoch aus politischen Gründen leider nicht gewählt wurden. Zum Beispiel, wenn in unserer Präsentation Fotos aus einem kurdischen Kulturzentrum oder ein kurdisches Wort zusehen war, war dies ein Anlass gegen uns zu stimmen. Manchmal haben einige von den Anwesenden die Sitzung während der Präsentation verlassen. Aber 2008 wurden wir mit überwältigender Mehrheit zum besten Jugendrat der Türkei gewählt. Das war eine große Ehre für uns und etwas was ich nie vergessen werde.

Herzlichen Dank für das Interview, Umut.