MENU
Startseite > Internationales ↓ > Reiseberichte / Impressionen → > Serbien-Impressionen

Bomben über Kragujevac

Impressionen von einem Jugendaustausch im vergangenen März nach Serbien, in ein Land gegen das "wir" vor nicht allzu langer Zeit noch Krieg geführt haben.

Es ist tiefschwarze Nacht, wir stehen hoch oben über der Stadt auf einem Hügel.

Bei uns in Deutschland sind die Laternen irgendwie heller ... Friedlich und still liegt uns die 140 000 Einwohner –Stadt Kragujegvac zu Füßen.

Ein paar serbische Freunde haben uns mit auf den Berg genommen, die Aussicht genießen ...

Wir erzählen uns Geschichten und irgendwie kommen unsere Freunde nach einer Weile auf die Bombardierungen durch die NATO zu sprechen und wie es war wochenlang bombardiert zu werden, nächtelang im Keller zu sitzen und es Krachen zu hören, nicht zu wissen ob das eigene Haus noch steht.

Unsere Freunde erzählen, das die Leute irgendwann einen Galgenhumor entwickelt hätten, angefangen haben in den provisorischen Luftschutzkellern Partys zu feiern. "Erst musste uns die Polizei in den Keller zwingen, weil wir nicht wollten, dann mussten sie uns irgendwann nach dem Ende vom Luftalarm rausholen – mitten in der Party, weil die Leute über dem Keller nicht schlafen konnten.

Wir Deutschen fanden diese Geschichten natürlich ziemlich interessant, beklommen war uns aber schon zu Mute, als z.B. Nikola erzählte, das er zu der Zeit in einer anderen Stadt Serbiens studierte und dann von einem Freund erfahren hat, das seine Heimatstadt Kragujevac fast völlig durch die NATO zerstört worden wäre. Zwei Tage lang hatte er es nicht geschafft jemanden in Kragujevac per Telefon zu erreichen und den staatlichen Medien hat er eh nicht getraut. "Das war eine echt grausame Zeit", so Nikola.

Nach einer Weile machen wir und auf den Rückweg, als Jelena plötzlich sagt:"Mensch, wir haben doch den 23. März! Genau vor 5 Jahren hat die Bombardierung von Kragujevac begonnen, fast auf die Minute genau!"

Ich bekomme eine Gänsehaut, vor genau 5 Jahren, NATO - Flugzeuge die Kragujevac bombardieren, wahrscheinlich mit genau dem gleichen Blick auf die Stadt, den wir gerade haben ... "meine" NATO, meine neuen Freunde.

Ein paar Tage vorher hatte ich schon mal eine ähnliche Gänsehaut bekommen, als ich in der Gedänkstätte Sumarice aus dem Museum kam. Mehr als 2300 Männer und Jungen aus Kragujevac sind am 21. Oktober 1941 durch die deutsche Wehrmacht zusammengetrieben und erschossen worden, darunter ganze Schulklassen. Manche hatten auf Papierfetzen Abschiedszeilen hinterlassen, wie z.B. Lazar Pantelic der Direktor des Gymnasiums: "Meine Herzen und meine Schätzchen, küsse, Mira – die Kinder an meiner Stelle. Kinder, hört auf die Mutter und passt auf euch auf. Lebt wohl für immer. Alle küsst euer Vater Laza."

Als ich das Museum verließ kam eine alte Frau auf mich zu, drückte mir lange die Hand und erzählte etwas auf serbisch, was ich nicht verstand. Eine serbische Freundin, die neben mir stand, übersetzte: "Sie hat dich gestern im Fernsehen gesehen und freut sich das wir aus Deutschland gekommen sind, sie wünscht dir ein langes und gesundes Leben." Die Freundin hat hinzugefügt:"Die alte Frau hat bestimmt Familienangehörige beim Massaker damals verloren und nun trifft sie wahrscheinlich das erste Mal seit dem 2. Weltkrieg auf Deutsche die der Völkerverständigung und des Friedens wegen kommen."

Achim Riemann

Dokumentation der Reise

Eine Dokumentation der Begegnungen aus 2002 und 2003 kann auf einer eigenen Webseite gelesen werden. Dort ist auch eine PDF-Version verlinkt.